Martin Sieghart

 

Sie können unter "Dokumentation" ein Portait des Holländischen Fernsehens über mich abrufen: "Ik adem muziek" - "Ich atme Musik". Dieser sehr liebevoll gestaltete Film sagt mehr über mein Leben aus, als es persönliche Worte können
(mit englischen Untertiteln).


Pädagoge zu sein, heißt, sich selbst immer in die Seele des Studenten zu versetzen und nie das Umgekehrte zu verlangen.


Ich glaube, es war und ist mir im Grunde unwichtig, in welcher Form ich Musik machen darf. Und das "Dürfen" ist mir ein entscheidendes Wort dabei. Ich darf mit Musik leben, vom Aufstehen bis zum Schlafen gehen dreht sich in meinem Leben alles um Musik.


Ich verlange von jedem meiner Schüler, regelmäßig im Chor zu singen. Der Gesang ist und bleibt das Wichtigste, egal, in welcher Form man Musik sonst betreibt. Das natürliche Atmen und damit Erlernen, Phrasen zu formen, ist unerlässlich.


Könnte ich doch nur ein wenig einschränken! Dass Bruckner und Mahler in meiner Karriere so wichtig geworden sind, hat mit meiner Familie zu tun: Das waren die Götter meines Elternhauses, ebenso wie Wagner und Strauss.


Wie wunderbar ist es zu erleben, wenn junge Menschen in ihrer Liebe zur Musik grenzenlos über das Ziel treffen, Tempi und dynamische Vorschriften ignorieren. Wer mit 25 nicht übertreibt, dem mag ich nicht mehr zuhören, wenn er einmal 50 geworden ist.


Am schwierigsten ist es, genial Begabte zu unterrichten. Entweder wollen sie keine Grenzen sehen, oder aber sie sehen nur diese und scheitern an ihren eigenen Ansprüchen.


Im selben Maße, in dem in Europa das Interesse für unsere Musik geringer wird und damit die Subventionen gekürzt werden (oder ist es umgekehrt? War erst die Henne oder das Ei?), im selben Maße entsteht in einigen asiatischen, aber auch in Ländern des Nahen Ostens eine bemerkenswerte Begeisterung dafür. Ich sehe das nicht tragisch, ich verfolge es mit Interesse und frage mich nur bisweilen, ob wir Europäer so einfach ohne unsere Musik zurecht kommen werden.


Versuche nie, eine Dirigierschule zu entwickeln. Es gibt sie nicht.


Spannend ist es allemal, einem Kollegen zuzusehen, der bei seinem Open Air Festival weit weg von der Bühne, in einem abgelegenen Raum mit seinen Orchestermusikern über riesige Bildschirme meist erfolgreich versucht, Sänger, Chor (wo immer der seinen Platz gefunden hat) und Orchester zusammen zu halten. Heute nennt man das Musizieren....
Und es greift Jahr für Jahr mehr um sich. Bald werden die Veranstalter ganz einfach eine Aufnahme herstellen und dann über Band einspielen, während Statisten auf der Bühne agieren. Das kommt billiger. Und wir spielen das alles mit, ganz so, als wären wir musikalische Lemminge.


Lehrer zu sein heißt nicht, wertvolle Zeit zum Dirigieren zu verlieren und in der eigenen Karriere Schaden zu nehmen. Es bedeutet, in jeder Stunde wieder selbst etwas zu lernen, das einem bis dato nicht bewußt gewesen ist.
Eine prachtvolle Erkenntnis!